„Wer ein Haus bauen will, der muss zuerst Leidenschaft für den Wald entwickeln.“

Zwar ist Holz nicht der meist verwendete Baustoff des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, aber ein Haus aus Holz zu bauen bedeutet vielerlei: Mit dem Baustoff Holz verbindet man Stil, Ästhetik, Handwerk und Können, Naturverbundenheit – und Nachhaltigkeit. 

Das Wort des Jahrhunderts: Nachhaltigkeit 

Kein Wort hat das beginnende 21. Jahrhunderts bisher mehr geprägt als Nachhaltigkeit. Der Begriff „Nachhaltiges Bauen“ ist bereits seit über 300 Jahren bekannt und stammt aus der Forstwirtschaft. Das Konzept wurde weiterentwickelt und gehört heute zur Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie. Auf Jahrhunderte nicht abbaubare Plastikgegenstände und auf nur noch wenige Jahrzehnte verfügbare fossile Brennstoffe bilden den krassen Gegenentwurf der Nachhaltigkeit und sollten verbannt werden. Schadstoffe für Mensch und Umwelt sollen bis gegen Null reduziert werden, natürliche Ressourcen sollen geschont werden und der ökologische Fußabdruck des Menschen soll kindlich klein sein. 

Nachhaltiges Bauen 2021
Fotomontage: © pixelperfektion

Nachhaltiges Bauen stützt sich auf drei Säulen

Nachhaltiges Bauen bedeutet, mit vorhandenen Bauressourcen sorgsam und bewusst umzugehen, umweltfreundlich zu bauen und die Energiebilanz mit neuesten Baumaterialien und Techniken balanciert zu halten. Auf drei Säulen stützt sich das Prinzip der Nachhaltigkeit: Ökonomie, Ökologie und Soziales spielen für nachhaltiges Bauen eines Gebäudes eine entscheidende, ganzheitliche Rolle. 

Nachhaltiges Bauen soll ökonomisch sein.

Man will preiswert und gut bauen. Deshalb muss der gesamte Lebensabschnitt eines Gebäudes im Blick behalten und für so lang wie möglich im Voraus geplant werden. Baustoff für nachhaltiges Bauen und in die Zukunft weisende Technologien des Bauens machen es möglich – und wirtschaftlich.

Nachhaltiges Bauen soll ökologisch sein.

Die Ressourcen sind endlich und die Deponien sind voll. Nachhaltig-ökologisches Bauen bedeutet, Ressourcen und Umwelt im Bauprozess zu schonen. Was in der Schweiz schon usus geworden ist, setzt sich auch in Deutschland allmählich durch: Recyclingbeton. Reiner Betonbruch wird granuliert, unter Beimischung von Mauerwerksbruch aufbereitet und zum Bauen wiederverwendet. Ressourcen befinden sich im Kreislauf und die Umwelt wird geschont. 

Nachhaltiges Bauen soll sozial sein.

Im Fokus des nachhaltigen Bauens steht der Nutzen, den der Bewohner nach der Fertigstellung hat. Der Nutzen ist von vielen Faktoren abhängig: 

  • Gesundheit – durch die Verwendung unbedenklicher Baumaterialien 
  • Finanzieller Aufwand – überschaubar und nicht nach der Devise „Wer billig baut, repariert am Ende viel.“ Das Vorurteil, nachhaltig zu bauen wäre ungleich teurer, stellt sich übrigens oft als Trugschluss heraus. Auf den zweiten Blick sind nachhaltige Produkte günstiger, weil sie Folgekosten sparen.
  • Energieeffizienz mit dem Fokus auf energiebasierte Folgekosten. 

Ganz gleich, ob Sie im Gebäude arbeiten oder leben: Insgesamt muss die Lebensqualität spürbar sein. Dazu tragen Temperiertheit, Belüftung, Schalldämmung und Beleuchtung maßgeblich bei. Nachhaltige Materialien beeinflussen all diese Faktoren. 

Zertifizierung nach DGNB

Wie nachhaltig ist Ihr Bau? – Die 2007 gegründete Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB e.V.) hat Kriterien erarbeitet, anhand derer Sie ein Gebäude einer Prüfung auf Nachhaltigkeit unterziehen können. Für die Bewertung ist zum einen die Statik der Nachhaltigkeit wichtig, also: Sind die Drei Säulen vorhanden und stützen Sie das Nachhaltigkeitskonzept stabil? Zum anderen fließen die soften Faktoren (Beleuchtung, Belüftung, Temperatur, Dämmung) so ein, dass der Nutzer sich im Gebäude wohlfühlt und das Gebäude selbst die DGNB-Zertifizierung bedenkenlos verdient. Das System dieser Zertifizierung geht von einem Gebäudelebenszyklus von 50 Jahren aus, verwendet etwa 40 Kriterien zur Messung der Nachhaltigkeit und ist bislang einmalig. Übrigens besteht die DGNB, einst von 16 Experten der Bau- und Immobilienwirtschaft initiiert, mittlerweile aus 3.500 Personen in 40 Ländern und beschäftigt 500 ehrenamtlich Aktive in 11 Ausschüssen und Gremien.

Erneuerbare Energien

Die wissenschaftliche Grundlage und die Technik

Die Zertifizierung wird auf Grundlage von Kriterien vorgenommen, die wissenschaftlich erarbeitet wurden. Federführend in der wissenschaftlichen Forschung ist hier das Institut für Bauphysik, das dem Fraunhofer-Institut angeschlossen ist. Das IBP untersucht all die Faktoren, die beim nachhaltigen Bauen eine Rolle spielen: Welche Baustoffe werden eingesetzt? wie können Aufbereitungsverfahren optimiert werden? Wie können Gebäude erhalten werden, die unter Denkmalschutz stehen?

Innovative Baustoffe für nachhaltiges Bauen

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Mineralogie und Feststoffanalytik machen es möglich, in speziellen Verfahren nachhaltige und innovative Baustoffe herzustellen, alte Baustoffe (Altbeton, Bauschutt) zu recyclen und auch dort Lösungen zu finden, wo Abriss und Neubau keine Lösung ist, sondern restauriert werden muss, um beispielsweise dem Denkmalschutz gerecht zu werden. 

Baustoff-Recycling: alte Idee mit neuen Methoden

Die Idee, alte Rohstoffe durch Recycling zurückzugewinnen und wieder einsetzen zu können, ist nicht neu. Durch das klassische Brechen oder Mahlen kann Bauschutt oder Beton gemahlen und anschließend dem Recycling zugeführt werden. Beton, der recycelt werden soll, kommt aber selten als reiner Beton vor, sondern ist durchsetzt von Schlacke, Keramik und anderem Bauschutt. Um reinen Beton zu erhalten, der als Recycling-Beton geeignet ist, muss er vom Bauschutt getrennt werden. Das IBP hat mit der elektrodynamischen Fragmentierung ein Verfahren geschaffen, das die selektive Trennung bewerkstelligen kann. 

Gips und andere Störstoffe sind kein Problem mehr

Es kommt vor, dass Schwermetalle oder Störstoffe im Bauabfall enthalten sind, die für die nachhaltige Weiterverwendung des Betons entfernt werden müssen. Dazu hat das IBP das Hydrothermalverfahren, ein nasschemisches Verfahren, entwickelt. Mit diesem können Schwermetalle selektiv abgeführt werden sowie feinkörnige Rohstoffe chemisch kategorisiert werden. Mit dem vom IBP entwickelten und patentierten ENSUBA-Verfahren wird das Gips-Problem gelöst. Ein scheinbar ungefährlicher Baustoff, der quasi in jedem Bauwerk, in jedem Gebäude verwendet wurde. Experten konstatieren, dass die Gebäudesubstanz in Deutschland etwa aus 10 Prozent Gips besteht. Dass Gips so beliebt ist, liegt darin begründet, dass er ein sehr unkompliziert zu verarbeitender Baustoff ist. Für das Baustoffrecycling ist Gips jedoch ein Problem: Es ist – chemisch gesehen – ein Sulfat, das beim Baustoffrecycling stört. Die Toleranzgrenzen für den prozentualen Anteil an Gips im Recyclingbaustoff sind genau festgeschrieben und sehr niedrig. Die mit Gips durchsetzten Baustoffe müssten auf der Deponie entsorgt werden, wo sie eine Gefahr für das Grundwasser bedeuteten und sie fielen somit für den Recycling-Prozess aus. Mit dem ENSUBA-Verfahren, einem Kurzwort, das für die Entsulfatisierung von Bauschutt steht, kann das Sulfat, der Gips, aus dem Beton herausgetrennt werden. Der Kreislauf der Baustoffe kann weiterlaufen.

Nachhaltige Baustoffe verwenden

Die Vielfalt der Baustoffe 

Auf Holzhütten, die mit Lehm abgedichtet wurden, folgten Natursteine, die die Häuser in Vorzeiten stabil machten. Heute verfügt die Baubranche über sehr viel mehr und sehr professionellere, stabilere und dichtere Materialien zum nachhaltigen Bauen. Die Nachhaltigkeit dieser Rohstoffe ist jedoch nicht immer gegeben. Zement, Ziegel, Beton für den Außenbereich sowie Gipskarton für den Innenausbau sind stabil, leicht zu verarbeiten und erschwinglich. Nachhaltig müssen diese Materialien erst noch gemacht werden. Dies geschieht mit Verfahren des Baustoffrecyclings sowie mit der Forschung an den Baustoffen und der Entwicklung neuer, günstiger, ökonomischer, ökologischer, kurzum: Baustoffe für nachhaltiges Bauen. 

Beton, Zement und Fasern – Herkömmliches weiterentwickelt

Das IBP forscht in diesem Bereich intensiv und hat eine Vielfalt an Baustoffen entwickelt. Der altbewährte Beton kann mit speziellen chemischen Verfahren als recycelter Baustoff wiederverwendet werden. Leichter und besser in der Wärmedämmung ist so genannter Porenbeton, besser bekannt unter dem Begriff Gasbeton. Die Idee, dass leichte Baustoffe mit geringeren Dichten ein hervorragender, gut dämmender und nachhaltiger Baustoff sind, bildet die Grundlage einer ganzen Gruppe von Leichtbaustoffen (Bims, Lehm- und Porenziegel). Zum altbewährten Zement als Bindemittel hat das IBP gute, nachhaltige Alternativen auf Basis von Gips und Kalk entwickelt: Portland- und Calciumaluminat-Zement. Durch Fasertechnologie ist es möglich, herkömmliche Baustoffe mit Fasern zu Faserverbundbaustoffen weiterzuentwickeln. Fasern geben dem Baustoff mehr Zugfestigkeit, Stabilität und nehmen positiv Einfluss auf die Schalldämmung. 

Die Forschung forscht weiter

So nachhaltig diese Baustoffe sind, so nachhaltig ist auch die Forschung für nachhaltiges Bauen. Neueste Forschungsprojekte behandeln völlig zementfreie Geopolymere als Bindemittel. Noch sind sie relativ unerforscht, lassen aber bereits jetzt erahnen, dass sie in der Baubranche einen nachhaltigen Einfluss haben werden. 

Weniger von den hölzernen Hütten der Vergangenheit, vielmehr von den noch älteren Steinbauten kann die Forschung profitieren. Der schon Jahrhunderte überdauernde antike Beton wird auf seine Beständigkeit hin befragt. Die Antwort macht nicht nur die Konservierung alter Bauobjekte leichter, sie trägt auch dazu bei, neue Materialien von alter Beständigkeit zu entwickeln. Auch die alten Römer hatten schon ein Händchen für nachhaltiges Bauen.

Diese Erkenntnisse aus der Vergangenheit macht die Forschung für die Baubranche einer Zukunft für nachhaltiges Bauen nutzbar.

Worauf kommt es an?

350 Millionen Tonnen Abfall fallen jährlich in Deutschland an. 50 Prozent, in absoluter Zahl über 170 Millionen Tonnen davon entfallen auf Baustoffabfall: Bauschutt, Asche, technische Keramik, Gips, Ton und Ziegelbruch. Endstation Deponie? Mitnichten – Recycling und Nachhaltigkeit sind modern, en vogue und notwendig. 

Die Drei Säulen des nachhaltigen Bauens zeigen, worum es geht. 

Nachhaltiges Bauen mit Rücksicht auf Ökologie heißt, dem Schutz des Ökosystems höchste Priorität neben dem Schutz der natürlichen Ressourcen einzuräumen. Gemeinsam bedingen sie einander.

Natürliche Ressourcen sind nicht nur umweltfreundlicher als herkömmliche Baumaterialien, sie sind unmittelbar dafür entwickelt, ressourcensparend zu sein und gleichsam mühelos verarbeitet zu werden. 

Nachhaltiges Bauen mit Rücksicht auf Ökonomie bedeutet, den Erhalt des Wertes von Gebäuden im Blick zu behalten. Erfolgreiche Ökonomie macht sich auf den ersten Blick in der Geldbörse und auf dem Konto bemerkbar. Je klarer der Fokus auf ökonomische Faktoren am Bau gerichtet wird, desto wahrscheinlicher sind Einsparungen. 

Sorgt die herausragende Qualität der innovativen Baustoffe einmal dafür, dass der Blick aufs übrige Budget etwas trauriger ausfällt, so mag das daran liegen, dass herkömmliche Baustoffe tatsächlich günstiger sind. Dann sind sie aber nicht nachhaltig. Zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit des nachhaltigen Bauens müssen die Lebenszykluskosten in Betracht gezogen und reduziert werden. Baut man nicht nachhaltig, fallen Reparaturen nach kurzer Zeit an, der Lebenszyklus verkürzt sich. Ziel des nachhaltigen Bauens ist es, den Lebenszyklus lang und die Kosten pro Zyklus gering zu halten.

Nachhaltiges Bauen mit Rücksicht auf soziale Faktoren meint, bei der Wahl der Baustoffe auf die Bewahrung der Gesundheit zu achten sowie auf Sicherheit und Wohlbefinden in den eigenen vier Wänden oder auf der Arbeit. Ein Gebäude ist ein funktionaler Raum, dem die verwendeten Baustoffe Rechnung tragen müssen. Der gestalterischen und schöpferischen Kreativität darf der Baustoff keine Grenzen setzen und er muss ins Stadtbild passen. 

Gesundheit ist unser höchstes Gut – es muss geschützt werden, indem auf soziale Faktoren geachtet wird. Die Verwendung gesundheitsfreundlicher Baustoffe ist ein Schritt in die richtige Richtung. So nebensächlich diese Faktoren scheinen mögen, sie sind von essentieller Bedeutung: Der Gedanke und die Wahrnehmung, in einem sicheren Haus zu wohnen oder zu arbeiten und sich dabei wohl zu befinden, sind nicht zu unterschätzen. Das ästhetische Befinden spielt natürlich auch eine Rolle, denn: Das Auge baut und lebt mit.

Nachhaltiges Bauen ist zukunftsweisend und zugleich keine Zukunftsmusik mehr. Die Forschung, die Baustoffe, Technologien und Verfahren für nachhaltiges Bauen entwickelt hat, ist in der Baupraxis längst angekommen. Und nicht nur dort. Nachhaltiges Bauen wird staatlich gefördert: Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat informiert über das Internetportal www.nachhaltigesbauen.de über die Vorteile, die Forschung und Normung und die Möglichkeiten, in Netzwerken über nachhaltiges Bauen in Kontakt zu kommen.